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Wenn älteste Töchter zu Blitzableitern oder „schwarzen Schafen“ werden

26. Oktober 2009

Ursula, Martin und Corinne sind Geschwister und heute bereits erwachsen, aber die Ungerechtigkeiten aus der Kindheit ziehen sich durch ihr gesamtes Leben.

Ursula war die älteste und wurde schon sehr früh in die Verantwortung für die jüngeren Geschwister einbezogen. Als Martin nur einige Jahre später als der gewünschte Stammhalter geboren wurde, wurde Ursula nicht nur als ältestes Kind, sondern auch als Mädchen „entthront“. Die nächsten Jahre verbrachte sie damit, im Schatten ihres Bruders zu stehen und den Eltern damit Anerkennung zu entlocken, indem sie besonders lieb wurde und bei allen anfallenden Hausarbeiten immer sofort zur Verfügung stand.

Das befreite sie aber trotzdem nicht vor dem Jähzorn des Vaters und einer „blinden“ Mutter. Alle seine Aggressionen und Wut bekam sie durch Schläge zu spüren, während der Sohn eine besondere Stellung innerhalb der Familie bekam. Sie war ihre gesamte Kindheit und Jugend damit beschäftigt, sich vor den Aggressionen des Vaters zu schützen. Darunter litt insbesondere ihre Schulausbildung und als sie im Alter von 18 Jahren einen Mann kennenlernte, sah sie darin ihre Rettung, um aus einer jähzornigen Familie entfliehen zu können. Später erkannte sie, daß es mehr eine Flucht vor dem Vater war und keine gute Basis für eine solide Ehe. Sie bekamen eine Tochter, aber auch in dieser Ehe wurde sie geschlagen und erst viele Jahre später hatte sie die Kraft, dieser Hölle zu entfliehen. Seitdem ist sie immer rastlos auf der Suche nach einem „Zuhause“, einem Platz, wo sie sich geborgen fühlen kann und spürt aber doch, daß die verlorene Kindheit nicht nachgeholt werden kann.

Die jüngste Tochter Corinne hat sich schon in frühester Jugend allem entziehen können, indem sie unauffällig blieb und sich um ihre Schul-  und Berufsausbildung kümmerte. Der Blitzableiter für den Jähzorn des Vaters blieb die älteste Tochter und Corinne war froh, daß sie nicht selber zwischen die Fronten geriet. Als Erwachsene erkannte sie dann zwar die Ungerechtigkeiten der Kindheit, hat sich jedoch ihrer älteren Schwester gegenüber eher distanziert und neutral verhalten. Selbst als der jähzornige Vater starb und in seinem Testament verfügte, daß das gesamte Vermögen seinem einzigen Sohn zukommen sollte, sah sie keine Veranlassung dazu, ihrer älteren Schwester beizustehen, sondern arrangierte sich mit ihrem Bruder, um selber an einen Teil des Erbes zu kommen.

Der geliebte Sohn wurde ein erfolgreicher und vermögender Geschäftsmann, dem allerdings eine Charaktereigenschaft fehlte: Mitgefühl mit anderen Menschen. Er entwickelte sich zu einem Narzisten und war kaum fähig, glückliche Beziehungen zu Frauen zu führen.

Selbst heute in höherem Alter haben die Geschwister noch keine Basis für eine gute Geschwisterbeziehung gefunden und nach dem Tod der Mutter fehlt auch jetzt ein Bindeglied, was eher zu einer weiteren Distanz geführt hat. Ursula lebt in Spanien in schwierigen finanziellen Verhältnissen und keiner der Geschwister sah die Notwendigkeit zur Unterstützung, obwohl sie beide das Erbe erhalten haben und sie selber leer ausgegangen war.

Auch diese Geschichte zeigt, wie schnell ein bestimmtes Kind in die Rolle eines schwarzen Schafes gedrängt wird, nur weil der Vater jähzornig und patriarchisch war und die Mutter hilflos zugesehen hat. Hat sie sich diese Position gewünscht? Sicherlich nicht und man fragt sich, warum sie dieses Schicksal leben mußte und nicht die jüngere Schwester. Weiter erkennt man an der Entwicklung von Ursula, wie schwierig die positive Veränderung mit solch einer negativen Erfahrung für das weitere Leben sein kann. Wer einmal in der Kindheit solch schwerer Ablehnung ausgesetzt war und auch als Erwachsene von den Geschwistern keine Würdigung erhält, lebt häufig mit sehr wenig Selbstvertrauen und dem Glauben, kein glückliches Leben führen zu dürfen. Und wer an nichts positives glauben kann, der wird auch nichts positives erleben. Zu schmerzhaft waren die Geschehnisse in der Kindheit.

Weitere Berichte zu diesem Thema:
Wenn Erstgeborene entthront werden – Ein Bericht auf Focus Online

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