Der Film “This is it” – viel Film mit wenig Michael
Heute lief der Film „This is it“ an und nach den großartigen Reaktionen der letzten Tage wollte ich nicht bis nächste Woche warten; zu gespannt war ich auf die Dokumentation. Der Film feierte heute gleichzeitig um 3 Uhr MEZ Weltpremiere und soll die nächsten 2 Wochen in über 18000 Kinos zu sehen sein.
Er zeigt Aufnahmen der Proben für die geplanten 50 Konzerte in London, die Anfang Juli – einige Tage nach seinem Tod – starten sollten. Nach diesen Konzerten sollte endgültig Schluss mit seiner Karriere sein.
Enttäuschend war zunächst, dass das Kino so gut wie leer war – ein paar verlorene Zuschauer, davon eine Gruppe junger Mädchen, die sich offensichtlich verlaufen oder falsche Vorstellungen hatten. Mehrfach störten sie die Stille und Konzentration der restlichen Fans.
Zunächst ist eines aufgefallen: der Film handelt nur von den Konzert-Proben. Vielfach wurde gemutmasst, dass auch nicht veröffentlichte Aufnahmen von seiner Beerdigung zu sehen seien, aber nichts von all dem. Die Qualität der Bildaufnahmen war enttäuschend; häufig waren die Darsteller verschwommen zu sehen und fast die gesamte Dokumentation wurde im schummrigen Licht aufgenommen. Viele der Bühnendarsteller wie Tänzer und Sänger äusserten sich begeistert über ihre Teilnahme an dem Konzert und outeten sich als langjährige Fans von Michael.
Die ersten Wochen probten sie getrennt, wobei jeder Handgriff und jedes Lied perfekt einstudiert wurde, auch der Griff in den Schritt. Erst die letzten Wochen wurde dann gemeinsam die Choreographie geprobt, wobei Michael Jackson der Leader, der Chef war. Es schien so, als ob alle vor Ehrfurcht in seiner Gegenwart erstarrt waren, selbst Kenny Ortega, der mehrfach fragte: Ist alles okay so? Ist es Dir so recht? Als Michael bei einem Song mehr „Funk“ wünschte, wurde es sogleich umgesetzt und als Michael in seiner ganz eigenen Sprache von einer „Faust in seinem Ohr“ sprach, wusste Kenny Ortega zunächst nicht, wovon er sprach. Er wünschte sich die Musik auf seinem Ohrstöpsel etwas leiser und auch dem wurde sofort nachgegangen. Ein anderes Mal wünscht er nachdrücklich seinen musikalischen Leiter um die Umsetzung der Lieder genauso, wie er sie seinerzeit auf Platte aufgenommen hat. In jeder Szene wird klar, dass Michael der Chef war. Aber auch das war Michael: er wusste immer, was er wollte und hat es in seiner sehr eigenen Art umgesetzt. Er bat höflich darum, wirkte dabei meist scheu und verletzlich und hat sich anschliessend bei allen dafür bedankt.
In dem Abspann war zu lesen, dass dieser Film seinen Fans und seinen drei Kindern gewidmet wurde und das entspricht wohl einer Wahrheit, die Michael entsprach. Er hat für die Bühne und seine Fans gelebt; es war seine Lebensaufgabe, die Menschen mit seiner Musik und seinem Tanz glücklich machen zu wollen. Seine größten und erfolgreichsten Songs wie „Thriller, Beat it, Billy Jean, Smooth Criminal wurden aus mehreren Proben zu einem Ganzen zusammengeschnitten (sichtbar durch verschiedene Outfits), untermalt mit neu gedrehten Videos und einer neuen Choreographie von Thriller. Auch an die Zeiten der Jackson 5 wird mit einem Song erinnert: „Gotta be startin’ something“; dabei dankt er seinen fünf Brüdern namentlich und den Eltern für die Unterstützung mit den Worten: „I love you“. Dabei fällt besonders auf, dass ihm die Versöhnung mit seiner Familie wichtig ist, mit denen er jahrelang ein sehr schwieriges Verhältnis hatte.
Michael zeigt sich in dem Film energiegeladen, mit guten tänzerischen Bewegungen (wenn auch nicht wie zu seinen besten Jahren), aber scheinbar fit. So schüchtern er sonst gegenüber Menschen war, so explosiv war er auf der Bühne. Sobald die Musik begann, sah man ihn in Bewegung kommend und manchmal sah man hinter dieser Maske ein leichtes Lächeln. Das soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei um Mitschnitte aus vielen Proben handelt. Er scheint niemals wirklich erschöpft und trägt immer dicke Jacken, was nicht für intensive Bewegungen spricht. Mehrfach bittet er um Verständnis, dass er seine Stimme schonen muß und es bleibt der Eindruck, dass er nicht immer live gesungen hat. Wenn man sich genauer die wenigen Nahaufnahmen von ihm ansieht, dort wirkt er blass und abgemagert (ein Bilder-Vergleich von 1997 und 2009) – verdeckt durch die langen Hemden und Jacken. Manchmal lächelt er ein wenig gequält und es bleibt ein fader Beigeschmack, ob nicht allzu viele Szenen einfach geschönt wurden, um uns nicht den schwachen, ausgelauchten Michael präsentieren zu müssen. Seine Schwestern Janet und LaToya und auch Vater Joe bezweifeln übrigens, dass es Michael gefallen hätte, so gezeigt zu werden.
„Michael war ein Perfektionist. Es würde ihm sicher nicht gefallen, wenn ihn die Fans nun bei der Arbeit sehen in einer Phase, in der er noch nicht perfekt war (im Focus-Online).
Vater Joe Jackson war es auch, der den Verdacht äusserte, daß bei einigen Tanzeinlagen nicht Michael, sondern ein Double ausgeholfen hat, was meinen Eindruck verstärkt. Die besonders dynamischen Bewegungen gingen einher mit einer besonders schlechten Bildqualität und einem Michael, nur zu sehen in einer größeren Distanz und verdeckt mit einem ins Gesicht fallenden Hut oder langen Haarsträhnen.
Michael hat sicherlich alles für ein erfolgreiches Comeback getan und er wollte seinen Fans eine perfekte Show abliefern, aber die Umstände über seinen Tod bleiben in Erinnerung und lassen vermuten, dass er sich physisch und psychisch übernommen hat und deshalb zu immer größeren Dosen Betäubungsmitteln gegriffen hat, die letztendlich zu seinem allzu frühen Tod geführt haben. Nach den Aussagen eines Mediziners ist eine positive Nebenwirkung von Propofol, dass man sich nach dem Aufwachen über eine längere Zeit sehr vital und fit fühlt, könnte aber auch gleichzeitig die Vermutung nahe legen, dass er für die Proben immer höhere Dosen brauchte, um dem Streß gewachsen zu sein.
Zu Ende des Films versammeln sich alle im Kreis und Kenny Ortega bittet Michael um ein paar Worte: „Wir wollen den Leuten mit dieser Show etwas zeigen, das sie noch nie gesehen haben. Und wir haben eine wichtige Mitteilung weiterzugeben: die Liebe und die Achtung vor unserem Planeten. Ich danke euch allen für eure Unterstützung. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig lieben. Lasst uns die Welt retten. Ich liebe euch alle!“
Als Andenken an Michael bleibt der perfekte Sänger und Tänzer, der aber bei allem Erfolg immer ein bescheidener Mensch blieb, der die Menschen respektierte und liebte und er hat sich in allem was er tat, für eine bessere Welt eingesetzt. Insgesamt hat der Film zu wenig den persönlichen und emotionalen Michael gezeigt; er war überladen von Zusammenschnitten der Songs, die er in London performen wollte. Es bleibt auch für mich zu bezweifeln, ob Michael seine Zustimmung für diesen Film gegeben hätte. Aber eines ist damit erreicht worden: die kritische Auseinandersetzung der Befürworter und Gegner (es hat sich eine Gegenbewegung mit „This is not it“ formiert) wird dafür sorgen, dass wir noch lange über Michael Jackson sprechen werden und das hätte ihm sicherlich gefallen.
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