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Robert Enke litt unter Depressionen

14. November 2009

Vor einigen Tagen hat sich der Nationaltorhüter Robert Enke in seinem Heimatort in der Nähe von Hannover vor einen fahrenden Zug geworfen und war sofort tot. Er litt unter starken Depressionen und hat für sich keinen anderen Ausweg als den Freitod gesehen.

Obwohl diese Krankheit schon seit vielen Jahren zur Volkskrankheit Nr. 1 zählt, gilt sie noch immer als ein Tabuthema. In unserer leistungsorientierten Gesellschaft hat jeder Mensch zu funktionieren und seelische Krankheiten werden als Schwäche angesehen. Erst jetzt durch diese schrecklichen Geschehnisse wird sie in unser Bewusstsein gerückt und man erinnert sich auch an den anderen berühmten Fussballer „Sebastian Deisler“, der für sich einen anderen Weg im Umgang mit der Krankheit gewählt hat. Er ging an die Öffentlichkeit, ließ sich monatelang psychologisch behandeln und kehrte dem Fussballgeschäft den Rücken zu. Nach der Veröffentlichung seines Buches, in dem er seinen langen, schweren Weg beschreibt, ist er schnell wieder aus der Öffentlichkeit verschwunden und man sah ihm deutlich an, dass er die Krankheit noch nicht überwunden hatte. Robert Enke jedoch verschwieg sie und nur sein nächstes Umfeld war darüber informiert. Wie viel Kraft ein solches Verhalten kostet, mögen wir uns kaum vorstellen können. Er hat die letzten Tage seines Lebens seinen Suizid systematisch geplant und selbst die behandelnden Ärzte noch an seinem Todestag bewusst angelogen, um seinen Plan verwirklichen zu können. Es war also keine spontane Tat, sondern reifte vermutlich viele Wochen oder Monate in ihm, um dann letztendlich umgesetzt zu werden. Welch grausamen Weg er für seinen Selbstmord gewählt hat, zeigt auch seine Verzweiflung. Er ist noch einige hundert Meter auf den Bahnschienen dem Zug entgegengegangen, um dann von ihm erfasst zu werden. Er wollte auch nicht mehr gerettet werden; sein Entschluß stand fest.

Robert Enke war seit langer Zeit in einer festen Beziehung, aber auch seine Ehefrau konnte ihm zum Schluß keinen Halt und Trost mehr geben, obwohl sie ihn jahrelang in seinem Schmerz begleitet hat. Er hat sein gesamtes inneres Leben unter Verschluß gehalten und selbst seine Fussballkollegen, bei denen er sich aufgehoben fühlte und die lt. seiner Ehefrau sein Lebenselexier waren, wussten nichts von seiner Krankheit und waren ebenso schockiert wie die Öffentlichkeit. Wie viel Angst muß ein Mensch vor dem Leben haben, um so zu handeln? Aber überrascht es uns wirklich? Robert Enke hat die Folgen für seinen Fussballkollegen Sebastian Deisler verfolgen können und wie es ihn persönlich zurückgeworfen hat; diesen Weg sah er für sich selber nicht. Zu wichtig war ihm der Fussball, den er unter keinen Umständen aufgeben wollte. Wie hätte Joachim Löw reagiert, wenn er von diesen Entwicklungen gewusst hätte? Wäre er wirklich mit so viel Mitgefühl darauf eingegangen, oder ist nicht auch er den Zwängen des Fussballgeschäftes ausgeliefert? Löw muss sich auch jeden Tag aufs neue beweisen und die Öffentlichkeit – gerade die Fussballfans – erwarten immer vollen Einsatz und Erfolge. Wenn Robert Enke sich mit seiner Krankheit geoutet hätte, kann jemand wirklich garantieren, dass es ohne Folgen geblieben wäre. Nein, sicherlich nicht, der erste krankheitsbedingte Ausfall hätte eine medienwirksame Diskussion nach sich geführt und genau aus diesem Grund hat er sich so verschlossen. Sebastian Deisler wurde nach seinem Outing von seinen Fans als „Deislerin“ beschimpft und das sind die gleichen Fans, die heute in einem nie dagewesenen Ausmass um Robert Enke trauern. Was aber bewegt einen Menschen, den Fußball – also seinen Beruf – über sein Leben zu stellen? Warum hat er keine Alternativen für sein Leben gesehen?

Enkes Arzt sprach von einer gelegentlich aufgetretenen Depression, denn er hatte auch lange gesunde Phasen. Die erste Behandlung erfolgte nach seinem Auslandseinsatz in Barcelona und der Türkei im Jahre 2003, wo er keine sportlichen Erfolge erzielen konnte und in Teneriffa sogar in der 2. Liga spielen musste. Er befürchtete, in ein Loch der Bedeutungslosigkeit zu fallen und das bereitete ihm große Versagensängste. Das deutet darauf hin, dass er sein Selbstbewusstsein durch die Anerkennung und Würdigung in seinem Beruf erzielte und als er immer wieder Rückschläge sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld hinnehmen musste – seine herzkranke Tochter starb 2006 im Alter von 2 Jahren, war seine Kraft aufgebraucht, sich immer wieder nach oben zu kämpfen. Irgendwann kommt die große Leere und Hoffnungslosigkeit, aus der er keinen anderen Ausweg als den Selbstmord sah.

Es sind große Parallelen in der Persönlichkeit zu Michael Jackson zu finden. Beide lebten für ihren Beruf und waren extrem ehrgeizig und perfektionistisch. Sie setzten sich für kranke Tiere und Kinder ein und auch von Robert Enke wird aus seinem Umfeld berichtet, dass er sich sehr vorsichtig und gewählt ausgedrückt hat; er wollte niemanden verletzen. Als dann die großen Erfolge ausblieben (Robert Enke glaubte wohl nach seiner erneuten Krankheit, keine Chance mehr auf die Nationalmannschaft zu haben), stürzten beide ins Bodenlose ab. Michael Jackson betäubte seine Einsamkeit und Versagensängste mit Drogen und Robert Enke setzte seinem Leben mit einem Suizid ein Ende.

Robert Enke hatte allerdings in seiner Frau eine große Unterstützung; sie hat ihn jahrelang begleitet und von Michael Jackson wissen wir durch die Medien mehr von seinem schwierigen familiären Umfeld. Die Unterstützung durch die Familie und Freunde hat einen großen Stellenwert bei der Heilung der Krankheit, allerdings muß der Kranke bereit sein, sich zu öffnen. Wie wir gerade aus Medienberichten verfolgen konnten, gibt es auch positive Beispiele im Umgang mit der Krankheit bei Profifussballern. Der italienische Torwart Buffon litt auch darunter, ließ sich helfen und ist noch heute erfolgreich aktiv. Allerdings ist mir nicht bekannt, ob er damit an die Öffentlichkeit gegangen ist oder ob auch er durch die Verheimlichung negative Medienberichte vermeiden wollte.  Was Enkes Tod aber bewirkt hat, ist eine rege Diskussion über Tabuthemen im Profifussball.

Robert Enkes Vater spricht in einem heute veröffentlichten Interview davon, dass sein Sohn bereits seit der Kindheit unter Versagensängsten litt und die Depression aus den Lebensumständen entstanden und keine von innen angelegte sei. Er habe schon als Jugendlicher wegen seiner guten Leistungen meist mit  Älteren trainiert und glaubte oft, nicht mithalten zu können. Er überlegte sogar, den Fußball an den Nagel zu hängen, tat es aber nicht, weil er davon überzeugt war, dass es das einzige sei, was er gut könne. Der Sohn sei so verzweifelt gewesen, einmal habe er gefragt: “Sag mal, Papa, nimmst du mir das übel, wenn ich mit dem Fußball aufhöre? Ich sagte: Robert, das ist doch nicht das Wichtigste, um Gottes willen.” Zeigt das nicht auch, dass er seinen Vater nicht enttäuschen wollte und möglicherweise liegt ein Teil der Ursache in einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung. Zuletzt habe er manchmal einen Klinikaufenthalt in Erwägung gezogen, es jedoch wegen des Fussballs abgelehnt; er glaubte, dass es dann mit seiner Karriere vorbei sei. Zuletzt war sein Sohn nicht mehr bereit, darüber zu sprechen und hat es vehement abgeblockt.

Es gibt viele Ursachen für die Krankheit Depression, aber Robert Enke hat durch die vielen Rückschläge nicht mehr daran glauben können, dass sich sein Leben positiv verändern wird. Er hat sich immer häufiger gefragt, warum und sah einen Zusammenhang zwischen Schicksal und es tragen zu müssen und diese Einstellung zeigt seine ganze Hoffnungslosigkeit. Hoffnung ist für Menschen oft das einzige, was sie trägt und weitermachen lässt. Während Sebastian Deisler dem harten Fussballgeschäft den Rücken zugekehrt hat und dem Leben eine erneute Chance gibt, sah Enke diese Alternative für sich nicht mehr. Es darf hier die Frage gestellt werden, ob er in seiner Kindheit Fehler machen durfte und diese auch offen zeigen konnte. Sein destruktives und selbstzerstörerisches Verhalten spiegelt das nicht wieder und sein Beispiel zeigt, wie wichtig der offene Umgang mit Schwächen und Fehlern ist und das ein erfülltes Leben nicht nur von Erfolgen und Geld abhängt.

Weitere Berichte dazu:
Robert war in seinen eigenen Ansprüchen gefangen – Sein Vater berichtet – Ein Bericht im Spiegel
Depressionen, eine Krankheit des Gehirns - Alarmzeichen, Symptome, Ursachen
Kompetenznetz Depression – bundesdeutsches Netzwerk

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